Der Schwarze Mann

©Michael Lintner

Der Schwarze Mann       Spiegelbild kollektiver Schatten
Eine dokumentarische Installation von Manfred Bernard und Stefan Fabi

Ein emotionales Hineinh├Âren in die Gedankenmuster einer Gesellschaft mit ihren ├ängsten vor Fremden.

In der Umgebung der 2500-Seelen-Gemeinde Marling (S├╝dtirol) hauste f├╝r einige Zeit ein obdachloser Einwanderer. Der Mann wurde zwar, nicht zuletzt durch sein fremdes Erscheinungsbild, von allen wahrgenommen, aber dennoch hatte keiner der Dorfbewohner je wirklichen Kontakt mit ihm. Durch die Tatsache, dass nur vage Annahmen, aber keine realen Fakten ├╝ber ihn bekannt waren, blieb er ein R├Ątsel und ein Bild eigener Projektionen. Sein nicht der stereotypen Vorstellung eines ÔÇ×perfekten Mitb├╝rgers", aber anscheinend auch nicht der eines gew├Âhnlichen Obdachlosen entsprechendes Benehmen f├╝hrte zu leichtem Unbehagen in der Bev├Âlkerung, und die Ger├╝chtek├╝che brodelte, was so weit f├╝hrte, dass ...
Die Art, wie der Fremde wahrgenommen wurde, und ab wann er st├Ârend wirkte, bildet den Hauptinhalt dieser dokumentarischen Installation. Die Gemeinschaft hatte ihr Urteil gef├Ąllt und danach gehandelt.

Ein Beispielfall, wie er ortsunabh├Ąngig ├╝berall und jederzeit wiederholt wird und werden kann.

 
Hinweis: bitte verwenden Sie Stereo-Kopfh├Ârer !

Die intensive Beobachtung und Auseinandersetzung mit Zeitzeugen, den Orten der Geschehnisse und deren Stimmungen, eingefangen durch Tonaufnahmen, bildet ein dokumentarisches Grundger├╝st. Aus den Beschreibungen der Dorfgemeinschaft entsteht ein Bild des ÔÇ×fremden Mannes“, es scheint sich innerlich zu kl├Ąren und auch visuell zu manifestieren, wobei verschiedene Ebenen des H├Ârens im Vordergrund des Wahrnehmungsprozesses stehen. Momente auditiver ├ťberinformation bilden gemeinsam mit dem sich nur sehr subtil im emotionalen Ausdruck ver├Ąndernden Langzeitportrait ein dramaturgisches Gleichgewicht. Augenblicke des Sich-Verlierens werden bewusst verwendet, um den Zuh├Ârer stets tiefer in seine eigenen Gedankenmuster zu verflechten. Immer wieder wird man wechselseitig gefordert : den Gedanken der lokalen Gesellschaft folgen oder sich doch auf eine eigene Begegnung einlassen? Das Gesicht des Fremden verharrt dabei fast die ganze Zeit als beinahe bewegungsloses, lebendiges Spiegelbild, wird somit pl├Âtzlich selbst zum eigentlichen, fast unertr├Ąglich stillen Zuh├Ârer.

ÔÇ×Andorra ist der Name f├╝r ein Modell" und ÔÇ×Wir wissen alle, dass wir gewaltt├Ątiger, grausamer sein k├Ânnen in einem Kollektiv, in einem uniformierten, aber auch in einem nicht uniformierten."
Zitate aus Andorra von Max Frisch 1949

Es schien uns nicht mehr wichtig, wer der Schwarze Mann ist, er wurde zur austauschbaren, schutzbed├╝rftigen Metapher, und die Frage inwieweit sich der Mensch seiner oft auf ├ängsten beruhenden Verhaltens- und Denkmuster bewusst ist, r├╝ckte in den Mittelpunkt. Es erschien notwendig, zuallererst allt├Ągliche ├ängste der Menschen h├Âr- und vielleicht ├╝berwindbar zu machen, um dadurch einen ersten Schritt f├╝r weniger Gleichg├╝ltigkeit und mehr Empathie zu f├Ârdern. Wir wollten einen langfristig kreativ und didaktisch anwendbaren Reflexionsausl├Âser schaffen, um individuelle moralische Positionen zu st├Ąrken und somit vielleicht zunehmender, allgemeiner Unmenschlichkeit und Radikalisierung entgegenzuwirken.
 

Projekt auf Tour durch S├╝dtirol im Fr├╝hjahr 2018 - Details folgen